Beschreibung
Friedrich Weinreb. "Vom Sinn des Erkrankens."
Gesundsein und
Krankwerden
4. Auflage
95 Seiten. Kartoniert. Format 11 x 19 cm.
ISBN
978-3-282-00009-8
Vielleicht sind wir im Kranksein dem Wunder am nächsten, vielleicht braucht es eine neue Einstellung zu Krankheit und Gesundheit: Wege, die aus der einseitig naturwissenschaftlichen Sicht herausführen.
Vorwort
Gesundsein und Krankwerden;
ich möchte das Thema einmal ganz anders behandeln. Denn ich glaube an den Sinn
von beiden. Und ich möchte nicht erzählen, wie man gesund bleiben könnte, es sei
durch Atemübungen, durch Yogastände oder durch Homöopathie, durch Erschlanken
oder über Biochemie oder gar Akupunktur. Ich glaube nämlich, daß das
Gesundsein-Wollen dann zu einem Zwang wird und dann ist man erst recht krank.
Dann kommt die Angst, der Wahn, das Herzklopfen und der Zusammenbruch. Ich
möchte den Menschen und die Welt beschreiben, so wie sie sind, gesund und krank.
Es liegt mir fern, den Menschen wissenschaftlich zum ewigen Kranksein zu
verdammen. Denn Kranksein könnte vielleicht doch einen Sinn haben, und dann
stimmt der Ausdruck verdammen nicht mehr. Der Mensch ist nicht, wie Nietzsche es
wollte, ein krankes Tier. Er ist vielmehr in seinem Kranksein ein göttliches
Wesen, denn in diesem Kranksein leidet er, verzweifelt und hofft er. In seinem
Kranksein kann er sogar an Wunder glauben. Und vielleicht ist er in seiner
tiefsten Krise eben dem Wunder am nächsten.
Ich möchte auch nicht physisches
Kranksein vom seelischen trennen. Damit meine ich nun wiederum nicht,
irgendeiner Psychosomatik das Wort zu reden. Was ich mir vornehme, ist die
Quelle des Gesund-und des Krankseins aufzuspüren und vor allem ihren Sinn für
das ganze Leben des Menschen. Da es mir nicht liegt, diese Phänomene nur von der
naturwissenschaftlichen Seite her, ? und darunter verstehe ich auch jegliche
Naturheilkunde oder Yoga-Art, zu beschreiben, möchte ich sie eher
anthropologisch-philosophisch, aber dann auch vom ganzen Menschen her,
untersuchen. Philosophisch bedeutet für mich hier nicht schwer, kompliziert,
sondern einfach, für jeden Menschen verständlich, und so, daß nicht nur die
rationale Seite des Menschen angesprochen wird, sondern auch die Seite seiner
Empfindungen, seiner Erfahrungen, seiner ganzen Existenz. Ich fürchte mich dabei
nicht, menschliche Erfahrungen aus anderen Zeiten als gleichwertig
miteinzubeziehen. Denn der Mensch ist für mich eben als Mensch unveränderlich,
wenn auch sein Wissen sich ändern kann oder die Art zu leben gewisse
Entwicklungen erfährt. Ich möchte auch das Phänomen der Sprache in meine
Untersuchungen mit einbeziehen. Denn in der Sprache drückt sich viel mehr aus
als nur das ?nützliche" Bedürfnis, ein Kommunikationsmittel zu besitzen. Kurzum,
ich möchte menschliche Schau, mystisches Erlebnis. mythologische Mitteilungen
genau so wichtig nehmen wie heutige Erfahrungen und moderne Errungenschaften.
Der Mensch hat sich seit je schon mit Gesundsein und Kranksein auseinandersetzen
müssen, er hat sich immer schon gefragt, was der Sinn des Lebens sei, und vor
allem auch, der Sinn des Kranken, des Bösen, des Unglücks.
Ich glaube, die
Welt der alten Hebräer, die doch eine der Wurzeln unserer heutigen Kultur
bildet, kann uns hier manche neue Erkenntnis schenken. Vor allem, wenn man ihre
Sprache und ihre Begriffe in die unserer modernen Welt übersetzt, ihr Denken
heute, im Kleide unserer Welt, neu wieder denkt. Ich kenne mich in dieser Welt
der alten Hebräer gut aus, und gerade deshalb glaube ich, Neues und vielleicht
Wichtiges zum Thema des Gesund- und Krankseins beitragen zu können.
Die
Ausführungen sind in einfacher, für jeden verständlichen Sprache gehalten. Das
Thema fordert, daß jeder es verstehen kann. Denn gesund und krank, es geht jeden
an.
Zürich, 15. August 1974 Friedrich Weinreb





















