Wunder der Zeichen - Wunder der Sprache

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Beschreibung

Friedrich Weinreb. "Wunder der Zeichen - Wunder der Sprache."
2. Auflage
240 Seiten. Kartoniert. Format 14,5 x 21,5 cm.
ISBN 978-3-282-00089-0

In der Geschichte der Konsonanten, der Vokale und der Melodie des Hebräischen zeigen sich unser Leben und die Wunder der Welt. Einführung in die Verborgenheiten der Bausteine des Wortes, die Sprache in noch unbekanntem Licht erscheinen lassen.

Aus dem Vorwort:
Eine uralte Mitteilung sagt: «Zeichen sind Rufe aus dem Nichts.» Das Nichts drängt, es möchte sich im Seienden ausdrücken. Es ist schön, sich im Sein zeigen zu können und zu empfinden, einfach da zu sein. Man vergleicht dieses Gefühl mit dem des liebenden Mannes, der im Hause der geliebten Frau das wahre Wohlbehagen zurückfindet. Und so heißt es dann auch, es sei die Freude Gottes, in der Welt empfangen zu werden.
Dieses Rufen aus dem Nichts, so wird weiter erzählt, ist schwarzes Feuer auf weißem Feuer. Feuer aus einem Jenseits auf Feuer des Diesseits. Das Feuer sucht sich zu festigen und findet, daß es im Diesseits nur die Form gibt, sich erkennbar zu machen. Qualität, Wesen des Jenseits, drückt sich aus in Quantität, Geheimnis des Diesseits. Und so stellen sich die brennenden Schreie aus der himmlischen Welt in die Zeichen der irdischen, zeit-räumlich empfundenen Welt. Der liebende Mann manifestiert sich in den Formen, den reichhaltigen, vielfältigen Formen dieses Daseins. Und das Sein erhält einen Sinn, indem es diesem Mann aus dem Jenseits hier die Gelegenheit bieten kann, sich zu artikulieren. Das Schwarze auf dem Weißen ist somit Zeichen einer Ehe zwischen Diesseits und Jenseits. So wird in alten Erzählungen kundgetan, was die Zeichen der Schrift sind. Sie sind Zeichen, so wie alles, was hier erscheint: seien es Bäume oder Flüsse, Pflanzen oder Tiere. Jedes Erscheinen ist dann schwarzes Feuer auf weißem Feuer, Mitteilung aus der Welt, welche der unseren gegenüber steht, Mitteilung aus dem Nichts. Erregend, erschütternd wirkt dann die Andeutung, daß das hebräische Wort für Nichts, ajin, mit den gleichen Buchstaben geschrieben wird wie das Wort Ich, das ani lautet. Sind also alle Zeichen, welche ich wahrnehme, schließlich Mitteilungen aus meinem Selbst? Das Wunder der Zeichen wäre dann ein Staunen über mich selbst. Fürchtet man sein Ich wie diese merkwürdige Welt das Nichts?
Die Buchstaben sind Zeichen, werden in vielen Sprachen auch so genannt, womit wir uns mit unseren Empfindungen, mit unseren Erlebnissen, Träumen, Gedanken und Wünschen artikulieren können. Und da sie die Bausteine des Wortes sind, führen sie uns zu
der Welt des Wortes, welche doch ebenfalls aus unserem Nicht-Zeit-Räumlichen, also aus unserem Jenseits zu uns kommt. Wie das Wort, so sind auch die Zeichen, mit welchen das Wort vernommen wird, aus einer unserem Sein gegenüber stehenden Wirklichkeit. Deshalb sind die Mitteilungen über die Zeichen, und die Buchstaben sind die klarsten, direktesten Zeichen, Mitteilungen aus einer sehr lebendigen, stark emotionalen Welt. Einer Welt aber, jenseits unseres Bewußtseins, einer Traumwelt, einer Welt voller Mythos. In der jüdischen Überlieferung, reichhaltig, unermeßlich, finden sich diese uralten Erzählungen. Und wenn wir ihnen begegnen, entdecken wir, daß wir das alles doch schon seit jeher wußten; nun ja, wußten, man kann es nicht anders ausdrücken, wir wußten es, und waren uns dessen eben noch nicht bewußt. Diese Erzählungen bewirken bei uns Selbstfindung, man findet sich selber zurück und atmet Luft der Ewigkeit. Man fängt an zu spüren, daß das Wort den Tod überwindet.
Zeichen, Buchstaben, im Hebräischen sind es die Mitlaute. Für die Laute gibt es keine Zeichen, da die Laute als der Welt des Geistes zugehörend, sich nicht in festen, erstarrenden Formen einfangen lassen können. So fehlen in den heiligen Rollen, wo diese Zeichen aus dem Jenseits mit großer Ehrfurcht und Weihe, tatsächlich wie schwarzes Feuer auf weißem Feuer eingetragen sind, ebenfalls die Lesezeichen; also es kommen dort weder Punkte noch Kommas, keine Ausruf- oder Fragezeichen vor. Denn die Art und Weise des Lebens, die Art und Weise des zu sich Nehmens der Mitteilung gehört der Welt der Seele. Und diese ist doch für jeden sein geheimer, intimer Bereich. Dort hat doch das Ich seinen Wohnsitz.
Das Wunder der Sprache ist dieses Zusammenwirken von Mitlauten, welche sich zeigen können, welche sich wie unser Körper, wie alles was Form hat, zeigen müssen, mit Lauten und Betonung, welche sich wie Geist und Seele nicht zeigen können, welche aber den Konsonanten wie dem Körper Leben und Erleben schenken. Auch von der Sprache wird in den Mitteilungen der jüdischen Überlieferung so unermeßlich Reiches erzählt. Und genau so erkennt man sich selber dort, wie in einem Spiegel, der uns unser wahres Antlitz zeigt. Nicht ein Spiegel, welcher unsere in der Zeit fließende zeit-räumliche Form spiegelt, also eben diese von uns selber nicht wahrhaftig empfundene Form, sondern ein Spiegel, der uns zeigt, wie Gott uns gewollt hat, und der uns damit zum Staunen bringt über die Fülle an Liebe und Verständnis, welche es in diesem vielschichtigen Leben also doch gibt. Deshalb sind die Mitteilungen der Überlieferung keusch, zurückhaltend, nur für den Liebenden zugänglich. Der Kühle, intellektuell Überlegene, wird sie wie ein Objekt untersuchen und nichts dabei finden. Wirklich, bei diesem Wunder der Zeichen und diesem Wunder der Sprache braucht es neben wissenschaftlicher Exaktheit sehr viel Hingabe, liebevolle Offenständigkeit, Bereitwilligkeit. Dann aber könnte dieses Buch Offenbarendes für Mensch und Welt schenken. Der Mensch trete wie ein Kind an diese Wunder heran. Schließlich handelt es sich um ein ABC für Kinder, einen ersten Sprach- und Lese-Unterricht.
Man sei durch diese hier oben angeführten Mitteilungen nicht beleidigt, nicht in seinem Stolz verletzt. Ich sagte doch auch, daß es sich um streng wissenschaftliche Exaktheit handelt, neben der Wirklichkeit des Kindes. Das Kind ist im Erwachsenen nur in seinem Bewußtsein verloren gegangen. Im großen Bereich des Unbewußten lebt es. Es möchte gerne, so gerne erkannt und gerufen werden. Morden wir doch die Kinder nicht, wie es von Nimrod, von Pharao und von Herodes erzählt wird. Sie brachten diese Kinder im Menschen, im Erwachsenen um. Weil sie den Durchbruch der Erlösung fürchteten, einer Erlösung, welche uns von der langweiligen, erdrückenden Strenge des nur Gesetzmäßigen befreien würde. Deshalb sind neben den exakten Formen der Konsonanten, Geist und Seele, also Vokale und Tonzeichen, frei gelassen. Damit spielerische Liebe, Fantasie, Beziehung sich frei hingeben können und frei hingenommen werden können. Ja, die Kinder, auf ihnen, sagt die jüdische Überlieferung, steht die Welt. Es heißt dort: «auf den Säuglingen im Lehrhaus steht die Welt». Welche Säuglinge? Ziehen wir diese unsere Nahrung aus dem Himmel? Das hebräische Wort für Himmel, schamajim, ist sprachlich dem Wort für die Brüste der Mutter, schadajim, sehr nahe. Nur eben in einer anderen Ebene identisch. Versuchen wir also wie diese Kinder zu sein. Dann könnte dieses Buch uns eben diese nur für diese Kinder bekömmliche Nahrung bieten.
Man kann dieses Buch auch ohne weitere Vorkenntnisse lesen. Ich glaube, man kann sich hineinleben. Dennoch wäre es viel wertvoller, wenn man die grundlegenden Einführungen in diese Welt auch lesen und erleben würde. Denn die Art, wie ich dies alles aus dem Komplex der alten jüdischen Überlieferung in heutige Sprech- und Denkart übertrage, ist nun mal neu; und das bringt natürlich für Außenstehende manchmal Schwierigkeiten, wie jedes Neue, und damit auch Unverständnis und dann als Konsequenz Ablehnung. Das mag dann sein. Es gibt aber wiederum viele, welche sich selber doch in diesen Geschichten und Erklärungen zurückfinden. Hier entscheidet nicht nur die intellektuelle Schulung und Ausbildung. Ein anderes Etwas im Menschen ist da oder ist nicht da. Vielleicht eben doch eine gewisse geistige und seelische Gemeinschaft. Dann aber ist der Intellekt wiederum sehr wichtig. So wichtig wie der Körper zum Leben oder so wichtig wie die Konsonanten zum Sprechen. Es zeigt sich schon, wer sich angesprochen fühlt. Da kann die Überlieferung nichts dafür. Sie ist da, und man kann mit ihr in lebendige Beziehung treten oder nicht.

Zürich, den 17. November 1978  Friedrich Weinreb

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